Artikel|Blinde Flecken

Warum wir unsere Sicht so oft für die Wirklichkeit halten.

Im Juni waren mein Partner und ich in Nordspanien unterwegs. Dort begegnet man an jeder Ecke der berühmten Tarta de Queso – dem baskischen Käsekuchen. Käsekuchen ist eigentlich so gar nicht mein Fall. Mein Partner dagegen liebt ihn. Nach ein paar Tagen siegte meine Neugier, ich probierte – und war überrascht. Cremig, nicht zu süß, ganz anders als ich erwartet hatte. Mein Partner? Für ihn war er gut, aber längst nicht der Beste für ihn.

Dasselbe Stück Kuchen. Zwei Menschen. Zwei völlig unterschiedliche Erfahrungen.


Was hier im Kleinen passiert, hat der Psychiater und Begründer der Individualpsychologie Alfred Adler vor über hundert Jahren beschrieben – als das, was er das Schema der Apperzeption nannte. Sein Grundgedanke: Wir nehmen die Welt nie objektiv wahr. Wir reagieren nicht auf das, was tatsächlich passiert, sondern auf unsere Interpretation davon – geprägt von früheren Erfahrungen, von Erwartungen, von Vergleichen, die wir oft gar nicht mehr bewusst nachvollziehen können. Adler ging sogar so weit zu sagen: Nicht die Situation selbst bestimmt unser Erleben, sondern die Brille, durch die wir sie betrachten. Und diese Brille setzen wir uns meistens so früh im Leben auf, dass wir vergessen, dass wir sie überhaupt tragen.

Wie sich das im Coaching-Alltag zeigt

Und ja, das was Adler beschrieben hat, begegnet mir in meiner täglichen Arbeit – und zwar nicht als abstraktes Konzept, sondern ganz konkret.

Da wäre die Führungskraft, die Verhaltensweisen des Teams beschreibt und daraus schließt, das Team sei unmotiviert. Im Gespräch zeigt sich eine andere Perspektive: Es gibt Mitarbeitende, die sich zurückhaltend äußern, weil sie die Erfahrung gemacht haben, dass man ihnen nicht wirklich zuhört – ihre Ideen also ohnehin nicht durchdringen. Hören wir beide Seiten, hören wir zwei völlig unterschiedliche Geschichten über dieselbe Situation.

Oder die Klientin, die sicher ist, ständig kritisiert zu werden. Im Coaching entdecken wir gemeinsam, dass sie Rückmeldungen automatisch als Bewertung interpretiert – nicht weil die Rückmeldungen das hergeben, sondern weil ihr Schema das so übersetzt.

In beiden Fällen hat niemand „Unrecht“. Die Wahrnehmung ist einfach nicht die Wirklichkeit. Sie ist eine von vielen möglichen Lesarten – gefärbt durch das eigene Apperzeptionsschema.

Mich fasziniert an diesen Momenten nicht, dass plötzlich jemand recht bekommt. Sondern was passiert, sobald jemand erkennt, dass die eigene Sicht nur eine mögliche unter vielen ist. Genau dort entsteht Bewegung. Und genau dort beginnt Entwicklung.



Warum das mehr ist als eine nette Erkenntnis

Der Clou an Adlers Gedanken ist: Das Schema ist nicht in Stein gemeißelt. Es lässt sich erweitern, hinterfragen, verändern – wenn wir bereit sind, genauer hinzuschauen. Jahrelang war ich zum Beispiel überzeugt, dass ich keinen Käsekuchen mag. Diese Überzeugung stimmte, und ich vertrat sie auch ziemlich eindeutig nach außen – bis sie es plötzlich nicht mehr tat.

Die Frage ist also nie: Ist meine Wahrnehmung richtig oder falsch? Sondern: Dient sie mir noch? Oder halte ich an einer alten Interpretation fest, nur weil sie sich vertraut anfühlt?

Warum wir überhaupt festhalten

Auch dazu hat Adler eine Antwort, und sie lohnt sich, genauer anzuschauen: Für ihn dient jede Wahrnehmung, jede Überzeugung einem Ziel – meist einem, das wir uns nie bewusst gesetzt haben, das aber trotzdem im Hintergrund wirkt. Wer überzeugt ist, ständig kritisiert zu werden, muss sich seltener der unbequemen Frage stellen, ob die eigene Leistung wirklich ausreicht. Wer glaubt, das Team sei ohnehin unmotiviert, muss die eigene Art zu führen seltener hinterfragen.

Das ist keine Schwäche, sondern ein sehr menschlicher Mechanismus. Eine vertraute Interpretation gibt Sicherheit – selbst wenn sie unbequem ist oder einschränkt. Das Ungewisse fühlt sich riskanter an als das Bekannte, auch wenn das Bekannte längst nicht mehr passt. Genau deshalb reicht reine Einsicht oft nicht aus, um etwas zu verändern. Es braucht auch ein Stück Mut, die Sicherheit der alten Geschichte für einen Moment loszulassen.



Eine Einladung zum Ausprobieren: Das Lebensrad

Wenn du selbst einmal spüren willst, wie stark dein eigenes Schema dein Erleben prägt, brauchst du kein Coaching – ein einfaches, bewährtes Werkzeug reicht dafür schon aus: das Lebensrad.

Die Idee dahinter ist simpel, aber wirkungsvoll: Du machst sichtbar, wie du die einzelnen Bereiche deines Lebens gerade jetzt bewertest – nicht wie sie objektiv sind, sondern wie du sie erlebst. Und genau darin liegt der Punkt: Zwei Menschen mit einem sehr ähnlichen Leben können ihr Lebensrad völlig unterschiedlich ausfüllen. Nicht, weil die Fakten unterschiedlich sind, sondern weil das Schema dahinter ein anderes ist.

So gehst du vor:

  1. Nimm dir zehn Minuten Zeit und betrachte die wichtigsten Bereiche deines Lebens – zum Beispiel Beruf, Beziehungen, Gesundheit, Freizeit, persönliche Entwicklung und Finanzen.
  2. Bewerte jeden Bereich spontan auf einer Skala von 1 bis 10 – ohne lange nachzudenken.
  3. Verbinde die Punkte. So entsteht dein persönliches Rad – mit Ecken und Kanten, die zeigen, wo gerade Balance herrscht und wo nicht.

Frag dich anschließend:

  • Womit bin ich gerade besonders zufrieden?
  • Welcher Bereich bekommt momentan zu wenig Aufmerksamkeit?
  • Und – das ist der eigentliche Adler-Moment: Woher kommt meine Bewertung? Vergleiche ich mit anderen? Mit einer früheren Version von mir? Mit einer Erwartung, die vielleicht gar nicht meine eigene ist?

Es geht nicht darum, überall eine Zehn zu erreichen. Es geht darum, die eigene Brille für einen Moment abzusetzen und zu prüfen, was du eigentlich siehst – und was davon dein Schema ist, nicht die Wirklichkeit.

Lebenssrad als PDF downloaden

 



Welche Gewissheit darfst du neugierig überprüfen?

Manchmal reicht dafür ein Perspektivwechsel. Manchmal ein ehrliches Gespräch – mit jemand anderem oder mit dir selbst. Und manchmal, ganz banal, ein Stück Käsekuchen.

Wenn du das Gefühl hast, dass dein eigenes Schema dir gerade eher im Weg steht als hilft, ist genau das ein guter Ausgangspunkt für ein Coaching-Gespräch. Nicht, um eine „richtige“ Sicht zu finden – sondern um die eigene wieder bewusst wählen zu können.

Systemisches Coaching Führungskompetenz Persönlichkeitsentwicklung